Glücklich getrennt oder die Entdeckung von Integrität

Nach der Trennung von meinem Mann, nach etwas mehr als zwei Jahrzehnten, entdeckte ich, was es heißt für die eigene Integrität zu kämpfen und sie als oberste Lebensmaxime zu etablieren.

In einer langjährigen Beziehung, in der man über die Jahre verlernt hat, sich selbst noch als der Mensch wahrzunehmen, der man in Wirklichkeit ist und man sich schon einfach aus Gewohnheit verbiegt, kann man sich nicht treu bleiben. Man ahnt nicht einmal, dass ein Leben in Übereinstimmung mit den eigenen Werten möglich wäre. Alles, was einen ausmacht, alle Facetten der eigenen Persönlichkeit liegen dumpf verdeckt unter einer undurchlässigen Haube. Man selbst fühlt sich ebenso dumpf und glaubt, dass Leben so sein müsse.

Mein erster Schritt in Richtung Integrität war die Entscheidung Veganerin zu werden. Ich habe mich immer gewundert, warum ich ab diesem Zeitpunkt so viel glücklicher geworden bin. Heute weiß ich, dass nur ein Leben in Übereinstimmung mit den eigenen Werten ein glückliches sein kann. Das Problem dabei ist, dass die Normen und Erwartungen unserer Gesellschaft uns das Gegenteil abverlangen. Wir tragen in uns tief verankert Glaubenssätze und gesellschaftliche Überzeugungen, die Unglück und Leid garantieren. Das fängt beim Thema Ernährung an und hört beim Thema Beziehung auf. Daher ist der Weg in Richtung der eigenen Integrität (lateinisch integer = unversehrt, unverletzt, ganz) ein mitunter schwieriger und einsamer Weg, denn es gilt mit überkommenen Normen zu brechen. Dabei erntet man selten Applaus. Die Gesellschaft möchte nicht, dass man ausbricht. Die schädlichen Glaubenssätze bzw. gesellschaftlichen Lügen sollen aufrechterhalten werden.

Mein zweiter Schritt in Richtung Integrität war die Trennung von meinem Mann. Wenn sich zwei junge und unreife Menschen, die keine Ahnung davon haben, wie „Liebe“ funktioniert, zusammentun und sich gegenseitig immer nur die eigenen Verletzungen widerspiegeln, ist es nahezu unmöglich die Beziehung später einmal zu transformieren. Der Aufwand wäre zu groß. Liebe funktioniert grundlegend anders. Liebe ist anders. Man müsste sich schon in einem neuen Leben begegnen. Die Rollen sind zu fest gefahren und über zu lange Zeit eingeübt. Als Menschen, die sich ihre Integrität bereits mutig erkämpft haben, würde man sich vielleicht noch nicht einmal mehr gegenseitig anziehen.

Nachdem ich mein eigentliches Selbst in der neu gewonnenen Freiheit immer mehr freilegte und begeistert entdeckte, wurden mit einem Mal auch all meine Schattenseiten deutlich. Lebt man allzu viele faule Kompromisse sind die dunklen Flecken ebenso dick verpackt unter einer Schicht wie das eigene Licht. Dort haben sie bisher nicht wehgetan. Der Preis ist wieder einmal hoch, denn glücklich kann man nur werden, wenn es erst einmal richtig wehtut. Man muss im wahrsten Sinne des Wortes durch die eigene Hölle gehen, die Schmerzen, die dies mit sich bringt aushalten und den eigenen Monstern ins Angesicht blicken. All das, wenn man sich selbst wirklich die Nächste / der Nächste werden will. Das ist der Grund, warum die meisten Menschen diesen Weg nicht wählen und im Laufe ihres Lebens mehr und mehr abstumpfen.

Der dritte Schritt in Richtung Integrität war ein Buch, auf das ich in meinem ersten Single-Urlaub gestoßen bin. Ich habe schon immer aus Büchern gelernt. Bücher haben mir immer Wege aufgezeigt (Leseempfehlung siehe unten). Lehrer tun sich auf, wenn man bereit für sie ist, heißt eine Weisheit. So für mich dieses Buch. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte es vielleicht wenig bis nichts in mir bewirkt. Zu dem Punkt meines Lebens, als es mir in die Hände fiel, hat es einen nicht umkehrbaren Prozess ausgelöst:

Der absolute Wunsch meine Wahrheit zu leben und die radikale Entscheidung alles dafür zu tun, was mir möglich ist.

Wer wirklich neugierig auf sich selbst ist und mutig genug erste Schritte zu tun, findet in diesem Buch wertvolle Übungen und alle wichtigen Zusammenhänge. Außerdem empfehle ich, bei jeder neuen Entscheidung zu prüfen, ob sie mit den eigenen inneren Werten übereinstimmt oder ob damit nur Erwartungen anderer bzw. gesellschaftliche Normen erfüllt werden.

Je öfter man sich für sich selbst entscheidet, umso freier und lebendiger wird man.

Leseempfehlung: Martha Beck (2021). The way of integrity. Finding the path to your true self. Peguin Life.

Wenn Dich das Thema „Glücklich getrennt“ interessiert, findest auf meinem Blog dazu weitere Beiträge.