Das ungeschriebene Gesetz vom perfekten Leben

Eines unserer ungeschriebenen Gesetze und gesellschaftliche Norm lautet in etwa so:

Erzähle nichts Echtes aus deinem Leben, schon gar nicht den leidvollen Part. Von deinen Erfolgen sollst du natürlich berichten und auf Facebook teilen. Mit viel Glitter.

Interessant ist dabei, dass dieses Gesetz besonders in Deutschland gilt und beispielsweise in den USA deutlich weniger ausgeprägt ist. Jedenfalls lese ich viele psychologische Bücher aus den USA, in denen gerade Psycholog*innen ihren eigenen Lebensweg beschreiben, geprägt durch Schicksalsschläge, Selbstzweifel oder Lebensmüdigkeit, hin zu innerer Freiheit, Selbstbestimmung und Lebensfreude. Eigentlich logisch, denn was könnte anderen Menschen mehr Hoffnung geben als positive Vorbilder, die ihnen ähnlich sind. Menschen, die es geschafft haben, die auch einmal am Tiefpunkt angelangt, sich aus eigener Kraft wieder herausgeholt haben und heute glücklich sind. Echte „survivors“, die weil sie überlebt haben, heute stark sind.

Ich finde, man sollte dies auch unseren Kindern in der Schule erzählen. Dadurch lernen sie mit Krisen kreativ umzugehen und sie als Wachstumsgelegenheiten zu betrachten. Leider eher weit gefehlt. Sie wissen oft noch nicht einmal, dass sie eine Psyche haben, die sich entwickeln kann.

Da ich mich für Integrität entschieden habe und als Psychologin andere Menschen für Psychologie, psychische Prozesse und Selbsterkenntnis begeistern möchte, breche ich bewusst mit gesellschaftlichen Normen oder hinterfrage sie. Auch mit der „Mär vom perfekten Leben“, in dem alles glatt läuft. Denn: Wer’s glaubt.

Ich bin selbst eine Überlebende. Ein Grund, warum ich heute viel vom Leben verlange. Mittelmaß ist für mich keine Option. Damit gebe ich mich einfach nicht zufrieden. Schließlich habe ich überlebt.

Von drei Geschwistern bin ich die Einzige, die noch lebt und das in einem Alter, in dem gewöhnlich alle noch da sind. Mein großer Bruder hat sich vor einem Viertel Jahrhundert das Leben genommen und mein Halbbruder ist vor fünf Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

Ich lebe und das mit Freude.

Mein wunder Punkt: Wenn mir Menschen wichtig werden, habe ich Sorge, sie könnten mir gleich wegsterben oder auf wundersame Weise vom Erdboden verschwinden. Ein blöder innerer Reflex, der mich nicht unbedingt beziehungsfähig macht.

Unsere Gesellschaft verhält sich gegenüber Schwierigkeiten und Schicksalsschlägen geradezu paradox. Nicht erstaunlich, dass so viele Menschen leiden. Jede vierte Frau und jeder achte Mann ist im Laufe seines Lebens von einer Depression betroffen. Es sterben bei uns mehr Menschen durch Selbsttötung als durch Verkehrsunfälle. Fast möchte ich sagen, kein Wunder, wenn gleichzeitig alle immer so tun als hätten sie alles im Griff.

Für Familien ist es eine Art Makel ein Familienmitglied durch den Tod zu verlieren. Außer bei hohem Alter und selbst dann tun die Leute noch extrem betroffen, als ob der Tod auch dann noch Versagen bedeutet. Bei Suizid verschlägt es allen die Sprache, obwohl diese den Familienangehörigen echten Trost spenden könnte.

Darüber spricht man nicht.

Und den betroffenen Familien darf es niemals wieder gut gehen. Sie sollen für immer in ihrem Unglück schmoren, damit das ungeschrieben Gesetz vom perfekten Leben nicht ins Wanken gerät und sich alle vermeintlich sicher fühlen. Kein Wunder, dass sich unter diesen Bedingungen kaum jemand outet.

“Know what you really know, feel what you really feel, say what you really mean, and do what you really want.”

Martha Beck, 2021