Psychologie ist alles. Alles ist Psychologie.

Ich weiß nicht wann mich die Begeisterung für Psychologie gepackt hat. Das muss schon sehr früh gewesen sein. Spätestens aber als Jugendliche, wenn die echten Herausforderungen des Lebens beginnen und man anfängt sich die wichtigen Fragen zu stellen. Vielleicht auch schon früher, durch meine Beobachtung von Erwachsenen, deren Verhalten ich nicht immer einordnen konnte.

Vielleicht durch die Lektüre von Dostojewski, einem der größten Psychologen der Weltliteratur, der wie kein anderer in die Abgründe der menschlichen Seele vordringt. Ganz sicher durch meine Verletzbarkeit, die mich veranlasste zu einer der mächtigsten Waffen zu greifen, die es gibt: Psychologisches Wissen.

Psychologie ist alles. Alles ist Psychologie.

Mir fällt kein Lebensbereich ein, in dem Psychologie keine Rolle spielt. Vielleicht bilden Prozesse in der Natur eine Ausnahme, etwa auf molekularer Ebene. Aber selbst das wäre noch zu beweisen.

Wo Menschen sind, spielt Psychologie immer eine Rolle, denn wir sind nun einmal psychologische Wesen.

Psychologisches Wissen kann man sich auf sehr unterschiedliche Weise aneignen. Dabei gibt es kein besser oder schlechter. Je facettenreicher umso wirkungsvoller. Das Praktische daran, man hat ein Untersuchungsobjekt, eines an dem man besonders viel lernen kann, immer dabei. Nämlich sich selbst.

Die ersten Psychologen waren Philosophen und haben versucht die großen Seinsfragen über das bloße Nachdenken zu beantworten. Spätere Psychologen haben Erkenntnisse über die menschliche Psyche durch Beobachtung und Introspektion, d.h. Selbstbeobachtung gewonnen. Erst viel später hat sich die Psychologie als Wissenschaft etabliert und psychologische Phänomene u.a. mit standardisierten Versuchsanordnungen erforscht.

Im Grunde sind wir alle Psychologinnen und Psychologen.

Wir alle beobachten uns selbst und andere Menschen rund um die Uhr. Nur eben meist eher unbewusst. Wir alle bringen implizites Wissen über psychologische Zusammenhänge mit auf die Welt. Denn wir sind bei der Geburt keinesfalls unbeschrieben, sondern verfügen bereits über psychologische Fähigkeiten. Ein Beispiel wäre das frühe Erkennen von Emotionen.

Es heißt oft, dass junge Menschen, die Psychologie studieren, eigentlich sich selbst therapieren wollen und dann im Studium, das empirisch-wissenschaftlich ausgerichtet ist, enttäuscht werden. In meinen Augen ist dieses Vorurteil irgendwie richtig und auch wieder nicht. Alles, was einen interessiert, hat mit einem selbst zu tun. Daher kann persönlicher Leidensdruck dazu führen, dass man mehr über psychologische Zusammenhänge wissen will. Akademisches Wissen ohne Lebensbezug ist dann in der Tat nur bedingt hilfreich und lässt sich nicht immer konkret auf das eigene Leben anwenden.

Trotzdem ist auch das akademische Wissen in der Psychologie immer handlungsorientiert, d.h. man kann es über Umwege sehr wohl auf das konkrete Leben übertragen. Eben nicht eins zu eins. Und abgesehen davon ist nichts verwerflich daran, sich selbst therapieren zu wollen.

Man kann es auch selbstbestimmte Persönlichkeitsentwicklung nennen, die bei den Menschen, die dafür offen sind, erst mit dem Tod endet.

Wir müssen aber nicht gleich Psychologie studieren, um uns psychologisches Handwerkszeug anzueignen. Unser implizites Wissen, unsere angeborene Intuition, ist der beste psychologische Ratgeber, den wir haben können. Viel besser als jeder Coach oder Psychotherapeut. Denn niemand kennt uns besser und weiß besser, was wir brauchen, als wir selbst.

Wie die allerersten Psychologen können wir über Nachdenken, Selbstbeobachtung und die Beobachtung anderer Menschen stetig unser Wissen vertiefen.

Kunst und Literatur, Ratgeberbücher oder eben Therapie und Coaching sind weitere Bereiche des Selbststudiums. Und nirgendwo anders lernt man mehr über Psychologie als in Romanen. Das hat einmal ein Professor im ersten Semester meines Psychologiestudiums gesagt und dazu eine passende Literaturliste verteilt.

Die Auseinandersetzung mit psychologischen Fragen würde ich als bewusstes Leben bezeichnen.