Männlich, weiblich, das große Ungleichgewicht

Wir leben in einer männlich geprägten Welt, heißt es häufig.

Das ist nicht ganz richtig, denn unsere Welt ist nicht männlich, sondern patriarchal geprägt. Ein himmelschreiender Unterschied. Das Problem und Leiden unserer Welt geht nicht auf die Vorherrschaft des männlichen Prinzips zurück, sondern auf eine ad absurdum geführte Männlichkeit, die es nicht verdient männlich genannt zu werden. Auch wenn mehr Männer diese kranke Form der Pseudo-Männlichkeit verkörpern, so gibt es auch genug Frauen, die patriarchale Wesenszüge an sich haben bzw. eine patriarchal organisierte und strukturierte Gesellschaft wünschen und unterstützen.

Ein Symptom der patriarchalen Gesellschaft ist es, das Weibliche zutiefst zu verachten, abzulehnen und zu entwerten. Wirkliche Männlichkeit würde dies niemals tun, ist doch das Weibliche gerade das Gegenprinzip des Männlichen, ohne das das Eigene nicht existieren kann und umgekehrt. So wie das Licht die Dunkelheit braucht. Die patriarchale Geisteskrankheit lehnt daher immer auch das eigentlich Männliche ab, hat es aber seit Jahrtausenden geschafft eine Krankheit als Norm für Mann und Frau zu definieren.

Zur Heilung der Welt reicht es nicht, mehr Weiblichkeit zu fordern, solange die zerstörerische und zersetzende Kultur und Mentalität des Patriachats fortbesteht. Frauen in Führungspositionen, die sich wie Kopien patriarchal sozialisierter Männer gebärden und jede weibliche Eigenheit in sich ablehnen, sind für das Ziel einer friedlicheren und liebevolleren Welt wenig hilfreich. Und Feminismus, der Männlichkeit ablehnt und entwertet ist genauso fehlgeleitet, wie die Frauenverachtung des Patriarchalen. Es ist offensichtlich, dass eine solche Form des Feminismus geradezu als Stütze des Patriachats herhält.

Das große Ungleichgewicht in der Welt besteht, weil Männer sich nicht wirklich männlich und Frauen sich nicht wirklich weiblich erleben und verhalten, sondern überzogener Rationalismus, Autoritarismus, Technokratismus und die Abwesenheit von Empathie gesellschaftlich verordnet werden. Das weiblich Emotionale, Spielerische, Kreative und Spirituelle wird im besten Fall belächelt und das männlich Haltende, Unterstützende, Zärtliche und Klare kommt kaum vor, weil vollständig in Vergessenheit geraten.

Das Patriarchat hält daher beide Geschlechter in seinen Fesseln. Dem großen Ungleichgewicht können Männer und Frauen nur entkommen, indem sie ihre Geschlechterrolle nicht mehr darin sehen, der geisteskranken Norm des Patriarchats zu entsprechen, sondern zum Ursprung ihrer eigentlichen Identität zurückkehren. Kein leichtes Unterfangen, weil wir alle durch und durch verformt wurden. Wie sollen sich Männer und Frauen etwas annähern, das sie gar nicht kennen, weil keine Generation vor ihnen es je vorgelebt hat?

Der Weg könnte nur ein innerer sein. Ein Art innere Revolution gegen die Unterdrückung der eigenen Erfahrungs- und Erlebenswelt, die nicht sein durfte. Diese innere Welt könnte nicht widersprüchlicher gegenüber dem sein, was das Patriarchat Frauen und Männern abverlangt. Somit ist sie auch die stärkste Waffe gegen die eigene Unterdrückung.