Die Liebe zum Leben

Die Liebe zum Leben ist eine Entscheidung. Sie kann, muss aber nicht, getroffen werden. Die meisten Menschen treffen diese Entscheidung nie oder wenn sie sie treffen, dann nur recht halbherzig. Sie halten sich lieber ein Hintertürchen offen. Behalten sich die Möglichkeit vor doch nicht zu lieben. So lebt es sich auf Halbflamme, scheinbar auf der sicheren Seite, aber am eigentlichen Leben vorbei.

Aus der Entscheidung das Leben zu lieben folgt nämlich eine bedeutende Konsequenz. Die da wäre wirklich und wahrhaftig zu wissen, das jede*r ihres/seines eigenen Glückes Schmied ist, wie es in dieser trefflichen Redensart so schön und weise heißt. Also kein Hintertürchen, keine Möglichkeit jemand anderem die Aufgabe zu übertragen das Glück für sich zu erschaffen. Und natürlich im Umkehrschluss auch keine Möglichkeit jemanden für das eigene Unglück verantwortlich zu machen.

Dumm gelaufen. Die Selbstverantwortung stellt sich mit der Entscheidung das Leben zu lieben, geradezu schlagartig mit ein. Die Bürde ist groß, fast so groß wie der Gewinn.

Gewonnen wird ein selbstbestimmtes Leben, das in vollkommener Übereinstimmung mit dem eigenen Selbst gelebt wird. Kein Verbiegen und Brechen mehr für andere, weil sie einen doch bitte, bitte glücklich machen sollen. Was sowieso nicht funktioniert. Ein weiterer Gewinn ist echte Lebendigkeit, die vielen Menschen so enorm Angst bereitet, die aber das Leben erst wirklich lebenswert macht.

Frei, wild und unabhängig könnte das Leben gelebt werden. Meist wird es aber in jeder nur erdenklichen Form abgesichert, bis dann ein Schicksalsschlag das mühsam errichtete Gerüst zusammenstürzen lässt. Manch eine*r baut es danach genauso oder noch mühsamer wieder auf. Manch eine*r trifft dann endlich die einzig richtige Entscheidung: das Leben zu lieben.

Diese folgenschwere und grundsätzliche Entscheidung muss immer wieder NEU getroffen werden. Am besten täglich. Denn unsere Erziehung, unsere Sozialisation und fehl geleitete gesellschaftliche Glaubensmuster bringen uns fast automatisch zurück in die falsche Überzeugung, man könne abwarten bis sich das Glück von alleine einstellt oder bis jemand kommt, der/die es schon für einen richten wird.

Zu schade, wenn das ungelebte Leben erst in der Stunde unseres Todes deutlich wird. Dann ist es zu spät. Ob wir eine zweite Chance bekommen, wissen wir nicht.

„Das Ringen um Autonomie fördert die Lebendigkeit.“

Arno Gruen