Frauen in die Öffentlichkeit!

„Die abendländische Kultur ist seit Jahrtausenden geübt darin, Frauen den Mund zu verbieten.“

Mary Beard, 2018

Die Rede ist schon immer, mindestens aber seit der Antike, Sache der Männer. Mit Rede ist das Sprechen in der Öffentlichkeit gemeint, zu Themen, die für die Öffentlichkeit von Bedeutung sind. Das sind beispielsweise politische Reden, Reden in der Wissenschaft oder auch Redebeiträge innerhalb geschäftlicher Meetings.

In der Antike durften sich Frauen wohl nur dann öffentlich äußern, wenn sie als Märtyrerinnen ihren eigenen Tod ankündigten oder nach einer Vergewaltigung den Vergewaltiger denunzierten und zugleich ihren Suizid bekanntgaben. In solchen Extremsituationen gab man ihnen das Wort. Niemals durften sie für die Männer oder das Gemeinwohl sprechen.

Während sich Männer gerade durch die öffentliche Rede als Männer definierten, galt eine Frau, die in der Öffentlichkeit sprach, nicht als Frau. Noch bis ins 20. Jahrhundert wurde sie, wenn sie sich öffentlich äußerte, als Mannsweib abgewertet oder für verrückt erklärt.

Auch wenn wir in unserem Kulturkreis, was Frauenrechte und politische Beteiligung von Frauen anbetrifft, weit gekommen sind, beteiligen sich Frauen auch heute noch immer nicht in gleichem Maße am öffentlichen Diskurs wie Männer.

Subtile und weniger subtile Formen der Unterbindung oder Abwertung der weiblichen Rede gibt es auch heute noch, indem „klassisch“ die Stimme der Frau überhört oder unterbrochen wird oder die Reaktion Ablehnung und Desinteresse zum Ausdruck bringt bzw. eine Reaktion ganz ausbleibt. Studien haben zudem gezeigt, dass sowohl Männer als auch Frauen eher der Meinung eines Mannes folgen als der einer Frau.

Ein weiteres häufig vorkommendes Phänomen ist das “mansplaining“, eine bevormundende Art der Kommunikation von Männern gegenüber Frauen, die besonders dann absurd wird, wenn sich die Frau im Thema, aufgrund von Ausbildung oder Expertise, deutlich besser auskennt. Das herabwürdigende Verhalten kann auch als „Mann erklärt der Frau die Welt“ beschrieben werden.

Die Unterdrückung der weiblichen Meinungsäußerung kennt aber noch sehr viel drastischere Formen. Frauen, die sich in der Öffentlichkeit bewegen, wie etwa Politikerinnen oder Journalistinnen sind regelmäßig Anfeindungen und Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt. Die sozialen Medien, Twitter in besonderem Maße, sind die neuen Räume, in denen Frauen abgewertet, beleidigt, bloßgestellt und bedroht werden. Mord- und Vergewaltigungsandrohungen oder Aufrufe sind keine Seltenheit. Dabei werden Themen, wie Frauenrechte, Gender-Mainstreaming und die Darstellung einer unmissverständlichen Meinung durch eine Frau, besonders zur Zielscheibe von Abwertung, Hass und Gewalt.

Vor diesem historischen und aktuellen Hintergrund ist es nicht erstaunlich, wenn Frauen sich noch immer nicht in vollem Umfang ihr Recht auf freie Meinungsäußerung nehmen. Selbst bei quotierten Redelisten sind Frauen fast immer deutlich in der Unterzahl und die Redezeiten von Männern übertreffen die von Frauen bei Weitem. Damit ist die Verbannung von Frauen ins Private noch immer nicht aufgehoben. Das kulturelle Muster, das Frauen aus den Machtzentren der Gesellschaft fernhalten will, bleibt bestehen.

Daher ist die weibliche Rede im Kampf für Gleichberechtigung so bedeutend. Frauen sollten sie gezielt einsetzen.

Literatur

Beard, M. (2018). Frauen und Macht: Ein Manifest. S. Fischer Verlag.

Kenton, S. B. (1989). Speaker credibility in persuasive business communication: A model which explains gender differences 1. The Journal of Business Communication (1973)26(2), 143-157.

Koc-Michalska, K., Schiffrin, A., Lopez, A., Boulianne, S., & Bimber, B. (2019). From online political posting to mansplaining: The gender gap and social media in political discussion. Social Science Computer Review, 0894439319870259.

https://www.amnesty.de/informieren/artikel/toxictwitter-hass-gegen-frauen-im-netz (4.01.21)