Unser täglich Brot gib uns heute

Wie sicher ist unser Ernährungssystem und unsere Ernährungsversorgung?

„Ernährungssicherheit bedeutet, dass Menschen sich ausreichender und qualitativ guter Ernährung sicher sein können.“ (bpb, 2020)

In Deutschland sind wir es gewohnt, ein großes und vielfältiges Ernährungsangebot in Supermärkten, auf Wochenmärkten, in Bioläden oder in der Gastronomie vorzufinden. Abgesehen von etwa 14 bis 17% der Menschen, die in unserem Land von Armut betroffen sind und nicht in gleichem Maße Zugang zu gesunder und ausreichender Nahrung haben, scheint dem übrigen Teil der Bevölkerung die Ernährung sicher. Jede*r von uns isst nach bestimmten Vorlieben und kann davon ausgehen, dass die Lieblingstomatensauce für 1,25 € auch morgen noch zu haben ist.

Erstmals in der Geschichte Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg (immerhin für die westlichen Bundesländer) kam es durch die Corona-Pandemie zu Unsicherheiten im Ernährungsangebot. Auch wenn Ernährungsministerin Klöckner mehrfach beteuerte, wir würden keinesfalls verhungern, räumte sie gleichzeitig ein, dass Supermarktregale immer mal wieder leer bleiben könnten.

In der Tat war es für die meisten von uns eine neue und mitunter verstörende Erfahrung, wenn wir an gewohnter Stelle nach dem Brotaufstrich oder der Packung Reis greifen wollten und Leere vorfanden. Solche Versorgungskrisen werden ausgelöst durch Exportstopps einiger Länder, den Einkauf riesiger Mengen an Grundnahrungsmitteln zur nationalen Versorgungssicherung, ruhende Obst- und Gemüseplantagen in Südeuropa, Engpässe bei Arbeitskräften wegen geschlossener Grenzen und nicht zuletzt durch Hamsterkäufe von Verbraucher*innen, sodass Supermärkte mit Nachbestellung und Auffüllung der Regale nicht nachkommen.

Nach Abdolreza Abbassian, dem leitenden Ökonom der Welternährungsorganisation FAO brauche es nur Panikkäufe von großen Importeuren oder Regierungen, um eine Krise auszulösen, denn die globalen Lieferketten, von denen wir alle abhängen, sind in höchstem Maße störanfällig. Mehr als die Hälfte der Lebensmittel in Deutschland wird importiert, gerade mal 10% der Angebote im Einzelhandel kommen aus der Region, 90% werden „Just-in-time“ geliefert, d.h. Lieferung erfolgt zeit- und mengengenau.

Ernährungsräte im deutschsprachigen Raum und Ernährungsaktivist*innen fordern schon lange den Aufbau eines krisensicheren Ernährungssystems sowie eine grundlegende Wende in der Agrar- und Ernährungspolitik. Unser Ernährungssystem ist nicht nur störanfällig, sondern für Mensch, Tier und Umwelt untragbar und höchst dysfunktional geworden. Es steckt in einer tiefen Krise.

Es gilt Schritt für Schritt Ernährungssouveränität zurückzugewinnen, d.h. das Recht aller Menschen, über die Art und Weise, wie Essen produziert, verteilt und konsumiert wird, demokratisch zu bestimmen. Produzent*innen und Verbraucher*innen wollen sich Spielregeln nicht länger durch Agrarkonzerne diktieren lassen. Gefordert wird die Entwicklung lokaler und regionaler Selbstversorgung, eine regionale und ressourcenschonende Landwirtschaft und eine möglichst enge Beziehung zwischen Produktion und Verbrauch. 

Es geht um die Demokratisierung der Ernährungspolitik, indem alle Akteur*innen, die sich mit Landwirtschaft und Ernährung beschäftigen, einbezogen werden.

Wir brauchen dringend lokale, soziale und ökologisch nachhaltige Ernährungssysteme, die uns auch in Krisenzeiten nicht im Stich lassen und die die Krise unseres Planeten nicht länger befeuern.

Quellen: