Moderne Ernährungsgewohnheiten machen Virus-Pandemien immer wahrscheinlicher

Wenn die Menschheit ihren Proteinbedarf weiter auf die bisherige Weise deckt, werde die Gefahr des Virenübergreifens rasant wachsen, so der US-Virologe Dennis Carroll. Die Viruserkrankung COVID-19, die unseren Planeten derzeit in Atem hält, ist eine sogenannte Zoonose, denn der Erreger wurde von Wildtieren auf den Menschen übertragen.

Wissenschaftler*innen warnen schon seit Langem, dass der Verlust an Biodiversität das Risiko von Zoonosen erhöhe. Der exorbitant hohe Konsum von Fleisch, Milch und Eiern einer rasant wachsenden Weltbevölkerung zerstört wertvolle Ökosysteme weltweit. Durch Artensterben und massiven Rückgang natürlicher Lebensräume breiten sich einige wenige anpassungsfähige Arten stärker aus, die häufiger Krankheitserreger in sich tragen.

Um das Risiko weiterer Virus-Pandemien zu verringern, müssen wir von einer Landwirtschaft wegkommen, die vorwiegend auf industrieller Tierhaltung basiert. Durch die Tierhaltung und den Anbau von Futtermitteln beanspruchen wir heute bereits vier Fünftel aller Weide- und Ackerflächen auf der ganzen Welt. Natürliche Lebensräume können nur dann geschützt und erhalten werden, wenn wir die Erzeugung und den Konsum von Tierprodukten radikal reduzieren. Denn solange immer mehr landwirtschaftliche Flächen verbraucht werden, um Futtermittel wie Soja anzubauen, das wir in Deutschland für unsere „Nutz“-tiere in unfassbaren Mengen importieren, werden natürliche Lebensräume weiterhin dramatisch schwinden.

Ein weiteres Risiko stellt die industrielle Tierhaltung selbst dar. Auf engstem Raum gehaltene Tiere sind eine tickende Zeitbombe für die Übertragung und Ausbreitung zoonotischer Erkrankungen. Durch die geringe genetische Diversität der gezüchteten Tiere wird die Gefahr noch verstärkt. Im Jahr 2002 kam es zur SARS-Pandemie, 2005 verbreitete sich die Vogelgrippe, 2009 die Schweinegrippe und 2014 gab es den großen Ausbruch von Ebola.

Damit unser Ernährungssystem Virus-Pandemien in Zukunft unwahrscheinlicher macht, dabei Biodiversität, Klima und Gesundheit schützt, gibt es zwei Wege:

  1. Jede*r Konsument*in kann über eine Verhaltensänderung, hin zu vorwiegend oder ausschließlich pflanzlicher Ernährung, einen Beitrag für eine dringend notwendige Ernährungswende leisten. Gewohntes Verhalten zu ändern ist nicht leicht, das weiß auch die Psychologie. Die Intention für eine Verhaltensänderung reicht meist nicht aus, denn „the road to hell is paved with good intentions“. Die sogenannte Intentions-Verhaltens-Lücke ist aber gut erforscht, sodass Menschen bei einer Ernährungsumstellung angemessen unterstützt werden können. Der hohe Konsum tierischer Lebensmittel, der mit zahlreichen Krankheiten einhergeht, ist ein echtes Public-Health-Problem und könnte dadurch gleichermaßen positiv beeinflusst werden.
  2. Der Druck auf die Politik muss weiter erhöht werden, damit über eine Agrarwende ein in erster Linie pflanzenbasiertes Ernährungssystem geschaffen wird, das ungleich weniger Fläche für die gleiche Menge an Kalorien benötigt als das auf Tierprodukten basierende System, das wir derzeit kennen. Nach Renate Künast von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN (2020) ist bereits heute klar, dass unsere Eiweißversorgung mittelfristig immer weniger von Fleisch abhängen wird. Da jedoch noch niemand genau wissen kann, wie ein nachhaltiges Ernährungssystem der Zukunft aussieht, wäre es wichtig in die „Zukunftskommission Landwirtschaft“ der Bundesregierung nicht nur Landwirt*innen einzubeziehen, sondern gleichermaßen Verarbeiter*innen, Umwelt- und Tierschutzverbände, den Lebensmittelhandel und die Verbraucher*innen. Es ist nicht auszuschießen, dass sich ein Virus auch über kontaminierte Lebens- und Futtermittel verbreitet und damit unsere Ernährungsversorgung grundsätzlich gefährdet. BSE und EHEC waren bereits dunkle Vorboten. Das Thema „Ernährung“ sollte daher nicht erst seit „Corona“ höchste Priorität haben.

Quellen: