Umgang mit Unsicherheit in der Risikogesellschaft

Oder warum sich die verstaubte Masterarbeit wie ein Krimi liest

Meine Familie und ich verlassen schon seit über zwei Wochen nur fürs Nötigste das Haus. Die Schulen sind geschlossen. In Zeiten von „Corona“ ist Homeoffice unsere neue Normalität.

Mit Zeit im Überfluss und gebunden ans Haus, kramt unser eins zum Zeitvertreib auch mal Altes und Vergessenes hervor. Sei es eine längst vergrabene Erinnerung, sei es eine alte Datei auf einer Festplatte im hintersten Eck des Wandschranks.

Ich suchte heute in einer Art Geistesblitz nach meiner Masterarbeit[1] aus dem Jahr 2011 (Universität Zürich), hatte ich darin doch untersucht, was wir in diesen Tagen in zugespitzter Form erleben.

Kommunikationswissenschaftlich hatte ich mich mit der Medienberichterstattung rund um die „Schweingrippe“ / H1N1, eine der letzten großen Pandemien des 21. Jahrhunderts, auseinandergesetzt. H1N1 verlief dann deutlich harmloser, als es die Expert*innen vorhergesagt hatten, wodurch meiner Masterarbeit auch ein wenig an Brisanz verloren ging.

Heute, rund zehn Jahre später, wollte ich wissen, ob sich die Erkenntnisse von damals auf die aktuelle Gesundheitskrise übertragen ließen und ob sie aus Medien- und kommunikationswissenschaftlicher Sicht einen Beitrag leisten konnten, die heutige Situation zu verstehen. Schon beim Lesen des Vorworts, das den geschichtlichen Bezug zur Spanische Grippe von 1918/19 herstellt, stelle ich fest, dass sich die Masterarbeit vor dem aktuellen Hintergrund wie ein Krimi liest.

Verlauf und Gefahr, die von Pandemien ausgeht, kann nie mit Sicherheit vorhergesagt werden, weshalb wir es mit einem typischen Risikothema zu tun haben. Kommunikation über Risiken erzeugt in modernen Gesellschaften Konflikt und birgt sowohl sozialen als auch politischen Sprengstoff. Politische Entscheidungen müssen unter Unsicherheit getroffen werden, weil wissenschaftliche Erkenntnisse immer nur Teilwissen zur Verfügung stellen und stets anfechtbar sind. Wissenschaft erzeugt neben Wissen eben auch Unsicherheit und jede Erkenntnis eröffnet neue Handlungsmöglichkeiten, die zu immer komplexeren Entscheidungssituationen führen. Für politische Entscheidungsträger*innen kann es daher riskant sein über Risikothemen zu kommunizieren.

Risikodebatten, wie wir sie derzeit um das Corona-Virus führen, werden vorwiegend in den Massenmedien ausgetragen. Dabei sind die politische und die wissenschaftliche Ebene stark miteinander verwoben, da politische Akteur*innen mit wissenschaftlichen Aussagen argumentieren und wissenschaftliche Expert*innen als politische Akteur*innen wahrgenommen werden. Die Bevölkerung sieht sich durch das Virus bedroht und fordert Behandlung und Behebung des Problems. Es bedarf eines hohen Maßes an Vertrauen in die Vertreter*innen aus Politik, Wissenschaft, Medizin und Industrie, die bestimmte Entscheidungen nahelegen oder legitimieren. Vertrauen zu gewinnen wird aber zunehmend schwierig, je stärker die Eliten kontrollierend in die Lebenswelt der Bürger*innen eingreifen.

Die Medien dienen als Plattform für den gesellschaftlichen Aushandlungsprozess. Hier tummeln sich unterschiedlichste Akteur*innen und versuchen Vertrauen und Unterstützung zu mobilisieren. Die Forderung nach einer „neutralen“ Berichterstattung oder danach, dass die Medien die Perspektive der Wissenschaft darstellen, ist im Grunde verfehlt, da dies nicht die Aufgabe von Journalismus ist. Aus einer normativen Perspektive sollten Journalist*innen vielmehr möglichst viele Meinungen und ein möglichst breites Spektrum an Sprecher*innen abbilden. Medien wählen Ereignisse auch nicht nach wissenschaftlichen Kriterien aus, sondern orientieren sich am Aktuellen, Neuen und Unvorhergesehenen. Abweichendes, Schaden, Konflikt und Erfolg wecken nun mal die öffentliche Aufmerksamkeit.

Eine besondere Rolle nehmen in dieser Auseinandersetzung die Expert*innen ein. Sie haben einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert, da sie mit ihrem Fachwissen entscheidend zur Meinungsbildung beitragen. Wissenschaftler*innen sind immer nur dann auch Expert*innen, wenn sie mit ihrer Kompetenz als Berater*innen fungieren und zur Lösung von Entscheidungsproblemen beitragen. Expert*innen müssen also über wissenschaftliches Sonderwissen verfügen, dieses Wissen muss durch Laien angefordert werden und zur Diagnose oder Bewältigung des praktischen (nicht wissenschaftlichen) Problems herangezogen werden. Nicht alle Expert*innen müssen Wissenschaftler*innen sein und nicht alle Wissenschaftler*innen sind Expert*innen.

In der Berichterstattung über eine Risikothema wie der Coronavirus-Pandemie bedienen sich die Medien, wie bei anderen Themen auch, bestimmter Rahmensetzungen („Frames“). Sie berichten aus einer bestimmten Perspektive, indem sie bestimmte Aspekte der Wirklichkeit in den Vordergrund stellen, während sie andere zurückstellen. Es handelt sich um Interpretationsmuster der Realität. Einige Theoretiker*innen gehen sogar davon aus, dass die Wirklichkeit nicht an sich existiert, sondern immer gesellschaftlich konstruiert wird.

In der Medienberichterstattung im Jahr 2009 zur „Schweinegrippe-Pandemie“ wurde das Thema aus informierender, warnender, kontroverser und skandalierender Perspektive dargestellt. Es ist davon auszugehen, dass sich ähnliche Rahmensetzungen in unterschiedlicher Gewichtung auch in der Berichterstattung zum Coronavirus wiederfinden. Interessant ist, welche der Interpretationsmuster im öffentlichen Diskurs vorherrschen und welche Akteur*innen mit ihnen in Verbindung gebracht werden. In Frankreich und Deutschland unterschieden sich die groben Deutungsmuster von 2009 kaum, Unterschiede zeigten sich in stilistischer Form sowie im Verhältnis von Politik und Medien, das in Frankreich durch staatliche Interventionsmöglichkeiten gekennzeichnet ist, während sich Deutschland eher durch Zurückhaltung des Staates auszeichnet.

Es lässt sich abschließend festhalten, dass mit markanten kollektiven Ereignissen der Moderne, wie wir sie mit der neuen Virus-Epidemie erleben, immer auch auffällige Kommunikationsereignisse einhergehen. Diese folgen einer bestimmten medialen Logik. Gesellschaftliche Akteur*innen kommen zu Wort und versuchen in der Arena der öffentlichen Kommunikation Aufmerksamkeit und Vertrauen zu mobilisieren. Expert*innen genießen dabei ein hohes Ansehen. Risikothemen werden wie andere Themen aus bestimmten Deutungsperspektiven dargestellt, bergen aber ein besonders großes Konfliktpotential, da sie ein hohes Maß an Umgang mit Unsicherheit erfordern.

Ich schließe meine Masterarbeit aus früheren Tagen und nehme mir vor, die noch vor uns liegenden Ereignisse auch mit der medien- und kommunikationswissenschaftlichen Brille zu beobachten.


[1] Jawhari, J. (2011). Journalistische Risikokommunikation in Frankreich und Deutschland: Eine vergleichende Untersuchung der Presseberichterstattung anlässlich der neuen Influenza A (H1N1)/„Schweinegrippe “. GRIN Verlag.