Zauberhafte Stille

Es ist März 2020, der Frühling hat gerade begonnen. Deutschland und die Welt befinden sich im Ausnahmezustand. Die größte Herausforderung seit dem zweiten Weltkrieg, heißt es. Von „Corona“ ist nahezu in jeder Schlagzeile zu lesen und sowieso in jedem Social-Media-Beitrag. Meine Familie und ich verlassen schon seit über einer Woche nur fürs Nötigste das Haus. Die Schulen sind geschlossen. Homeoffice ist unsere neue Normalität.

Unsere Hündin muss trotz allem vor die Tür und so machen wir uns mehrmals am Tag auf den Weg. Neu ist, dass wir Begegnungen mit anderen Hunden und ihren Haltern meiden. Da unsere Hündin von vielen Hunden sowieso nicht so viel hält, wechselt sie willig die Straßenseite, sobald ich sie dazu auffordere.

Es ist Freitag Abend. Die Luft ist mild. Die gleiche Strecke sind wir in den letzten fünf Jahren fast täglich gegangen.

Heute ist es anders. Ich bleibe stehen, sauge den süßen Frühling in meine Lungen und lausche. Meine Hündin schnüffelt derweil an einem Grashalm. Wahnsinn. Außer Vogelgezwitscher ist für Augenblicke nichts zu hören. Gar nichts. Kein Auto. Nichts. Einfach nichts.

Zauberhafte Stille.

Ich möchte sie festhalten, eintauchen und jedes noch so kleine Geräusch fernhalten. Es ist, als ob die Welt mit einem Mal tief durchatmet.

Kurz darauf kommt ein Auto um die Ecke.

Auf dem Nachhauseweg frage ich mich, ob wir Menschen die Zäsur, die wir in diesem Frühling erleben, nicht eigentlich dringend brauchen. Atemlos rennen wir alle, was weiß ich wohin. Unser Wirtschaftssystem, das im Moment fast vollständig ausgebremst wird, ignoriert in seinem Normalzustand nicht nur die natürlichen Grenzen unseres Planeten, sondern auch die zahlreicher Menschen, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Es überkommt mich die Hoffnung, das wir nach dieser Krise nicht weitermachen, wie vor der Krise. Es packt mich der Wunsch, dass im positiven Sinne nichts mehr so sein wird, wie zuvor. Dass die Menschheit endlich versteht. Dass sie endlich Rücksicht nimmt auf die Begrenztheit der Welt. Dass WENIGER dann endlich MEHR sein wird.

Ich sauge die milde Luft ein und versuche die zauberhafte Stille wenigstens in meiner Erinnerung zu halten.