Über die Ehrfurcht vor dem Leben

Eine achtlos ins Gebüsch geworfene Verpackung mit vier Scheiben Truthahnbrustfilet, die nicht einmal geöffnet wurde. Ich muss an die Truthähne denken, die ihr kurzes Leben in trostlosen Massenbetrieben verbringen. Leidvolle Leben, um solch ein Produkt kostengünstig herzustellen. Ich muss auch daran denken, dass alle zehn Sekunden ein Kind unter 5 Jahren an den Folgen von Hunger stirbt und dass dieses Qualprodukt da im Gebüsch noch nicht einmal jemanden satt machen wird.

Mir fällt Albert Schweitzer (1875-1965) ein und seine Vision von der Ehrfurcht vor dem Leben – „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“. Die ungeöffnete Verpackung mit dem Truthahnbrustfilet steht in so krassem Widerspruch zu dieser Idee, dass mir übel wird. Ich frage mich, wie es so weit kommen konnte, dass wir keinen Zusammenhang mehr sehen, zwischen dem lebendigen Wesen und dem Produkt, das wir einkaufen und keinen zwischen unserem Handeln und der Verantwortung für alles Leben auf dieser Welt. Die Achtlosigkeit und Gleichgültigkeit, die im Wegwerfen eines ungeöffneten Tierprodukts zum Ausdruck kommt, machen mich traurig und wütend zugleich.

Albert Schweitzer befürchtete eine ethisch-geistige Verkümmerung des Menschen. Hätte er geahnt, wie weit unsere Unmenschlichkeit voranschreiten würde und hätte er die heutigen Zustände in der industriellen Tierhaltung vorhersehen können, es hätte ihm vermutlich das Herz gebrochen. Er, dem alles Leben heilig war. Indem wir einseitig unsere technologische Entwicklung vorantreiben, kommen wir auf moralischer Ebene, mit einer zunehmenden Verrohung, fehlendem Mitgefühl, mangelndem Verantwortungsbewusstsein für die Schwächsten unserer Gesellschaft, weiter und weiter ab von einer Geisteshaltung, die als Ehrfurcht vor dem Leben bezeichnet werden könnte.

„Ist der Mensch von der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben berührt, so schädigt und vernichtet er Leben nur aus Notwendigkeit, der er nicht entrinnen kann, niemals aus Gedankenlosigkeit.

Albert Schweitzer